Etappe 01: Ganz oben am Cape – endlich geht es und gehe ich los

Hard facts: Cape Reinga – Ahipara, 100 km

  • entlang diverser Strände, darunter mit dem 90 Mile Beach (übertrieben, es sind nur 88 km (grins)) der längste des Landes

Erwartungshaltung:

irgendwo zwischen: Endlich gehts los und (Biber) wird das wohl was?

Tag 0 – Anreise zum Cape

km-Stand: noch keiner 😉

Morgens im verschlafenen Kaitaia. Ich hatte mir vorgenommen, etwas länger zu schlafen und das große Bett im Gateway to the Far North noch mal so richtig auszukosten. Daraus wurde nichts, weil die Sonne mich bereits um halb 7 aus den Federn warf. Das Beste, was einem am ersten Tag der Reise passieren kann, dachte ich noch. Nach einem kurzen Frühstück mitsamt Plausch mit meiner wunderbaren Zimmerwirtin Sarah, bei dem wir uns über Ihre britische Herkunft unterhielten und das derzeitige Mistwetter in Liverpool mit dem in Frankfurt verglichen, ging es noch kurz zur Post, um mein Vorrats (Bounce) Paket abzugeben und mir vorauszuschicken, und dann mit vollem Rucksack auf die Piste. Wobei das tatsächlich eine ist: Vom Ortskern Kaitaias sind es bis zum Cape Reinga noch stolze 110 km, dazwischen gibt es allerdings weder öffentlichen Verkehr noch größere Ansiedlungen. Es ist also Fortkommen per Anhalter und Goodwill angesagt. Ich war gespannt, setzte sonnenbebrillt mein freundlichstes Grinsen auf und hob den Finger.

Vorab: Ich habe abends das Cape erreicht. Dabei durfte ich bereits einen wunderbaren Querschnitt Neuseelands als Passagier begucken, insgesamt 5 Mitnahmegelegenheiten brachten mich bis an den Anfang des Te Araroa. Gleich hinter Kaitaia fuhr ich mit einem älteren polnischstämmigen Pärchen einige km mit. Die beiden haben sich in Mangonui, einem wunderbar Strandnähe gelegenen Nest am Ende der Welt niedergelassen, sind seit 4 Jahren im Land, kämpfen in bisschen mit Pioniereinsamkeit im allgemeinen und mit der Tatsache im besonderen, dass das gewünschte Ersatzteil für die Häckselmaschine in Kaitaia nicht verfügbar war, was eine Wartezeit von drei Wochen und eine weitere Fahrt über 100 km nach sich ziehen wird. Nach erfolgtem Absetzen an einer Kreuzung im Dörfchen (richtigerweise: 10 Häuser, Tankstelle, Autohändler) Awanui grüßte ich im Vorbeigehen einen eher ärmlich aussehenden Maori mit freundlichem Hallo, er grüßte zurück. Kaum 5 min später hielt neben mir eben dieser Kerl und nahm mich mit. Begründung: Ich hätte so freundlich gegrüßt. Ich bestieg frohgemut seinen Toyota, der erstens so aussah, als würde er beim ersten Beschleunigen in seine Einzelteile zerfallen, und zweitens bereits einen weiteren Passagier aufwies, einen weissen Kiwi aus der Gegend. Den Hardcore-Slang, den die beiden miteinander sprachen, konnte ich nur in Ansätzen entschlüsseln, mir gegenüber wurde das Englisch aber so verständlich, dass wir trotzdem unseren Spass hatten. Das Auto wurde mit 130 über die kurvige Landstraße gehetzt und machte ganz den Eindruck, als passiere das öfter, es fühlte sich eher wie Karrussell- denn Autofahren an, ist als `Speeding` im Lande weitverbreitet und wird teuer, falls eine der im Lande ebenfalls verbreiteten Radarkontrollen auftauchen. Hier oben auf einer nur von dahinschleichenden Touristen und sie überholenden Einheimischen benutzten Piste war dergleichen offenbar nicht zu erwarten, also legte ich mich mit in die Kurve und genoß, zur eigenen Überraschung, die Fahrt. Nach 40 km war auch dies zu Ende, 2 km in mittlerweile brütender Hitze später war ich froh über meinen nächsten Helfer, einen maorischen Papa auf dem Weg zur Schule im kleinen Ngataki, wo sein Sohn bereits auf ihn warte. Kaum war ich wieder auf der Straße, hielt neben mir Rose, ihres Zeichens Hebamme, Krankenschwester und Hilfslehrerin, die soeben die Stunde mit, na klar, unter anderem dem angesprochenen Sohn beendet hatte, und mir auf dem Weg zu einer Freundin viel Wissenswertes über das nördlichste Ende von Neuseeland erzählte. Unter anderem, dass es hier oben mangels Rentabilität kaum noch Schafe gibt, dafür aber sehr viel mehr Rinder, besonders die schwarzen Angus, die bestes Fleisch erwarten lassen. Stützte meine Beobachtungen. Rose zeigte mir vom Auto aus auch noch kurz die umfangreichen Ländereien, die ihr Sohn hier oben bewirtschaftet, fuhr mich dann noch ein Stück weiter Richtung Kap, als sie eigentlich gemusst hätte, und setzte mich in Waitiki Landing ab. Letzte Tankstelle vor dem Kap, Kaffeepause (hat der Flat White (=Kaffee mit Milch) jemals so gut geschmeckt?) und dann weiterlaufen. Was ich noch nicht in meinem Querschnitt hatte, nämlich Touris, kam dann auf nette Art nach weiteren 4 km auf mich zu: Jen und Justin aus London, auf Honeymoon-Hochzeitsreise im Campervan unterwegs, nahmen mich mit bis zum nördlichsten Campingplatz des Landes am unaussprechlichen Tapotupotu Beach.

Hier schien die Abendsonne auf eine absolute Idylle im Nirgendwo. Ich fühlte mich fit, baute mein Zelt auf und beschloss dann, einen etwa 5 km langen Küstenweg zum Cape Reinga zu laufen. Nicht Teil des Te Araroa, aber ich wurde von der Schönheit dieses Küstenabschnitts einfach umgehauen. In ständigem Auf und Ab ging es ganz nah an der Steilküste entlang, von einer einsamen Bucht zur nächsten, und irgendwann kam der kleine Leuchtturm des Cape in Sicht, der in der Abendsonne wunderbar aussah. Als ich ihn dann gegen 19.30 Uhr erreicht hatte, waren am gesamten Kap, das normalerweise von Tagestouristen ziemlich überlaufen ist, gerade mal noch 4 Leute übrig. Magischer Beginn und wunderbare Erfahrung. Ich setzte mich ans windumtoste Kap und sinnierte über den bevorstehenden Weg, machte die obligatorischen Fotos mit den Wegweisern (Bluff ist Luftlinie gerade mal 1.452 km entfernt, das wär doch gelacht, ne?) und versuchte irgendwie die Distanz zu Europa zu erfassen. 18.000 km. Ist mir nicht gelungen. Muss auch nicht…

Der Rückweg zum Camp im Dunkeln verlief dann sicherheitshalber über die Zufahrtsstraße, dank meiner Kopfleuchte und Temperaturen um 20 Grad kein Problem. Ich hatte nur meinen Tagesrucksack dabei. Dabei spielte ich nochmals durch, was denn so auf mich zukommen sollte. Mit Sicherheit war mein Rucksack noch zu schwer. Würde ich ohne Probleme mit Rücken oder Knien durchkommen? Was sagen meine Füße? Krieg ich das Alleinelaufen am Strand gut hin? Habe ich alles? Alle Zweifel wurden dank der Abendsonne schnell sehr klein, ich freue mich auf morgen.

Tag 1 – Tapotupotu Beach bis Beginn 90 Mile Beach (33 km)

km-Stand: 17

Morgens war es wieder die Sonne, die mich nach erholsamer Zeltnacht diesmal wirklich aus den Federn, genauer Daunen warf. Rucksack geschultert, Wasser aufgefüllt und die 10 km via Straße/Dirt Road zum Kap unter die Füße genommen. Dass ich das Kap doppelt besuchen würde, war zwar so nicht geplant, aber da der Te Araroa direkt oberhalb beginnt, wollte ich nicht gleich am Anfang meine ersten Trailkilometer verlieren. So war ich um kurz vor 9 schon wieder da, wieder quasi alleine. Wieder